Aus aktuellem Anlass veröffentliche ich einen kurzen Beitrag zur Sozialstruktur der Autonomen Region Xinjiang-Uighur in Westchina, um die ethnische Heterogenität der Region näher zu beleuchten.
Ethnische Zusammensetzung
Xinjiang liegt als Grenzregion zwischen chinesischen, russischen und turkischen Einflusssphären; die Zusammensetzung der Bevölkerung reflektiert die geografische Position (vgl. Dillon 2004: 24). Allgemein weist Xinjiang einen hohen Minderheitsanteil an der Gesamtbevölkerung aus (vgl. Schüller/Kriete 2002: 1151). Uighuren als größte Bevölkerungsgruppe machen mit 9,2 Mio. Menschen 45,9 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Han sind mit 39,5 Prozent und ca. 7,9 Mio. die zweitgrößte Gruppe. Es folgen 7 Prozent Kasachen (ca. 1,4 Mio.), 4,4 Prozent Hui (893.500) und 0,8 Prozent Kirgisen (171.000). Unter Einbezug der Tadschiken und Usbeken sind somit 54 Prozent der Gesamtbevölkerung turksprachig und 58 Prozent muslimischen Glaubens (XSY 4-1,8).
Diese ethnische Heterogenität drückt sich ebenso in der administrativen Gliederung aus (vgl. Wacker 1995: 11). Während Han tendenziell in den Städten wie Ürümqi und in den urbanen südlichen Regionen siedeln, sind die ärmeren, west- und südwestlichen Regionen hauptsächlich von Muslimen bewohnt (vgl. Dillon 2004: 25).
Seit der Gründung der VRC wurden demobilisierte hanchinesische Soldaten der Volksbefreiungsarmee (VBA) in Xinjiang angesiedelt. Die forcierte Migration seit den 1960er Jahren spielt eine große Rolle im innerethnischen Konflikt in Xinjiang (vgl. Dillon 2004: 25; Wiemer 2004: 168). Man kann feststellen, dass die Migration aus dem Osten Chinas das Bevölkerungsprofil nachhaltig verändert hat (vgl. Dillon 2004: 25). 1955 lag der Anteil der Han an der Gesamtbevölkerung bei etwas mehr als 10 Prozent. Seit 1971 liegt er bei ca. 40 Prozent, und blieb seither relativ stabil (vgl. Wiemer 2004: 169).
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Ein kleinerer Artikel zur Ein-Kind-Politik in der Volksrepublik China, den ich kürzlich für eine Seminar verfasste. Es war das erste Mal, dass ich mich mit dem Thema beschäftigte. Ich versuche einen knappen Überblick zu liefern und einige aktuelle Probleme im Zusammenhang mit der Entwicklung der VR China darzustellen. Unter ‘mehr‘ findet sich noch die Literaturliste und den kompletten Aufsatz als PDF zum Download. Für Hinweise und Verbesserungsvorschläge wäre ich äußerst dankbar.
Probleme der Familienpolitik in der VR China
Bereits Anfang der 1950er Jahre wurde im Angesicht der drohenden Probleme der Überbevölkerung eine Form der Ein-Kind-Politik (EKP) propagiert, zu dieser Zeit jedoch ohne nennenswerte Sanktionsmöglichkeiten (vgl. Hartmann 2006. 159). Mit der Politik der Reform und Öffnung veränderte sich auch die bisherige chinesische Bevölkerungspolitik. Nachdem bereits 1973 Kennziffern für den Bevölkerungszuwachs in die Wirtschaftsplanung mit aufgenommen wurde, vollzog man ab 1979 den Übergang zur EKP. Diese Politik durchlief bis in die 1990er Jahre verschiedene Phasen die von zu-nehmender Liberalisierung begleitet wurden; getragen von einem Diskussionsprozess innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas. Auf diese Weise entstand ein komplexes System an Sonderregelungen und Ausnahmen (vgl. Scharping 2007: 54ff).
Die Anwendung der Regelungen erfolgt aufgrund legaler Schlupflöcher stark verschieden. Gründe hierfür sind in den strukturellen Problemen der VR China zu suchen – Arbeitskräftemangel, Problemen mit der Altersversorgung und dem traditionell ein-geforderten Fortführen der Familienlinie (vgl. Scharping 2007: 57ff). Über Anreize und Sanktionen wird versucht die EKP durchzusetzen. Systematisch geschieht dies über die Geburtenplanungskommission, die inzwischen zwar zur zahlenmäßig stärksten Bürokratie angewachsen ist, aber mit mangelnder sozialer Achtung und Ausstattung zu kämpfen hat (vgl. Scharping 2007: 57ff).
Situation in ländlichen Regionen
Das Geburtenproblem scheint in ländliche Regionen auf die unveränderte Orientierung auf eine große Nachkommenschaft zurückzuführen zusein (vgl. Hartmann 2006: 159f). Dies führt bei der korruptionsanfälligen Bürokratie zu Extremen wie drakonischen Sanktionen auf der einen und faktischer Umgehung der EKP durch Ausnutzung der Sonderregelungen auf der anderen Seite (vgl. Heilmann 2004: 199). Die EKP verschafft lokalen Kadern auf der Dorfebene die Möglichkeiten Sanktionen zu verhängen; Diese Möglichkeit führte zu teils massiven Missbrauchsfällen (vgl. Hartmann 2006: 160; Schucher 2007b: 120). Gleichzeitig sind im Rahmen der laufenden Antikorruptionskampagnen unter lokalen Kadern Fälle aufgedeckt worden, bei der trotz strikter Regeln massiv gegen die EKP verstoßen wurde (vgl. Lindemann 2007: 144).
Situation in den Städten
Unter den objektiven Bedingungen des Stadtlebens orientiert sich der Kinderwunsch tendenziell an zwei Kindern (vgl. Hartmann: 2006: 159f). Trotzdem hat gerade die Politik der Reform und Öffnung auf dem Gebiet der Familienpolitik ihr Spuren hinter-lassen: Die Aufgaben der Einwohnerkomitees wachsen mit der zunehmenden Privatisierung, der VR China, da Frauen die keiner Danwei angehören von ihnen betreut werden. Bei Nichteinhaltung der Planvorschriften werden auch die Einwohnerkomitees sanktioniert und haben mit Geldbußen zu rechen. Gleichzeitig gilt Geburtenkontrolle als „schwierigste und unangenehmste Aufgabe“, da die städtische Bevölkerung das Eingreifen des Staates in Bereiche die zunehmend als persönlich und privat betrachtet werden entsprechend kritisch gegenübersteht (vgl. Heberer/Schubert 2008: 71ff). Zudem ergeben sich durch die aktuell Entwicklung Chinas drei Probleme: Bei dem hohen Migrationsaufkommen fällt es zunehmend schwer, eine wirksame Kontrolle auszuüben. Bei wachsenden Bevölkerungsgruppen mit hohem Einkommen greifen finanzielle Sanktionen nicht mehr, und die erste Generation der EKP kommt zunehmend in ein Alter in dem sie selbst Familien gründen und Nachwuchs haben – wenn beide Elternteile Einzelkinder waren fallen sie nicht mehr unter die EKP. Ihnen ist von vornherein ein zweites Kind erlaubt. Auf diese Weise wird versucht, der Überalterung der chinesischen Gesellschaft Sorge zu tragen, die selbst ein Ergebnis der EKP ist (vgl. Schucher 2007a: 143 / 2007b: 119ff).
Fazit
Es deutet also daraufhin, dass sich zwei sehr unterschiedliche Problemfelder ergeben, zum einen tradierte Vorstellungen von Familienpolitik auf dem Lande und zum anderen einer Reihe der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der VR China geschuldete Veränderung in den Städten. Während in den Städten mit einer Lockerung teilweise versucht wird der Überalterung Herr zu werden, liegt das Problem in ländlichen Regionen gerade bei der strikten Umsetzung, um dem erklärten Ziel, einer Drosselung des Bevölkerungswachstums gerecht zu werden (vgl. Lindemann 2007: 144).
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Ich dokumentiere den Veranstaltungshinweis zum 2. Marburger China Kolloqium. An der ersten Veranstaltung mit Prof. Dr. Markus Taube nahm ich teil und war vom Vortrag begeistert.
Wie bereits Anfang des Jahres angekündigt, organisieren Frau Prof. Dr. Angela Schottenhammer und Herr PD Dr. Ralph Kauz aufgrund des starken Interesses im letzten Semester nun das 2. Marburger China-Kolloquium im Sommersemester 2008.
Das Programm, das Sie hier als pdf finden, ist erneut eine interessante Kombination verschiedenster sinologischer Themen, die über Chinas Volkswirtschaft, Mao Zedong, die chinesischen Schriftzeichen bis zur chinesischen Weltgeschichtsschreibung reichen.
Hier noch die kommenden Termine:
- 6. Juni 2008
Eine Welt aus Zeichen – chinesische Schrift und chinesisches Denken
Marie-Luise Beppler-Lie (Philipps-Universität Marburg)
- 20. Juni 2008
Von der „untergehenden“ zur „aufsteigenden“ Nation
Weltgeschichtsschreibung und nationale Identität in China
Prof. Dr. Nicola Spakowski (Jacobs University Bremen)
Alle Vorträge finden um 14 Uhr c.t. in der Wilhelm-Röpke-Str. 6 (PhilFak), Raum C 916, statt.
Chinas rapid steigende wirtschaftliche und politische Bedeutung spiegelt sich in der öffentlichen und wissenschaftlichen Wahrnehmung und Diskussion in Deutschland wider – auch das Interesse an Universitäten wächst seit Jahren unaufhaltsam. Dies betrifft nicht nur das Fach Sinologie selbst, in anderen geistes- und naturwissenschaftlichen Fächern besteht ebenfalls immenses Interesse an China-spezifischen Lehrinhalten. So werden auch in der Philipps-Universität die Seminare zu Sprache, Politik, Wirtschaft und Kultur Chinas ungebrochen besucht.
Um das Fenster nach China weiter zu öffnen“, veranstaltet das FG Sinologie eine Vortragsreihe „Marburger China-Kolloquium“, die Einblicke in die faszinierenden Themen gewährt, die in der deutschsprachigen Sinologie behandelt werden.
Die Einführungsrede zur Eröffnung der Reihe am 14. Dezember um 14Uhr c.t. hält Herr Dekan Prof. Dr. Christoph Kampmann. Alle Vorträge finden im Raum E 304 in der Wilhelm-Röpke-Str. 6 („Phil-Fak“) statt.
Weitere Termine:
- 14. Dezember 2007
Vom Krieger zum Sportler: Anpassungsprozesse der traditionellen chinesischen Kampfkunst an die Moderne
PD Dr. Kai Filipiak (Universität Leipzig)
- 11. Januar 2008
„Alles ist in uns selbst vorhanden!“
Zum Problem von Ich und Welt im chinesischen Denken
Prof. Dr. Wolfgang Kubin (Universität Bonn)
- 18. Januar 2008
Zuflucht China?
Manichäismus, Nestorianismus und Zoroastrismus im Reich der Mitte
PD Dr. Ralph Kauz (Philipps-Universität Marburg)
- 25. Januar 2008
Zheng Hes Reisen und die chinesische Seefahrt
Prof. Dr. Roderich Ptak (LMU München)
- 1. Februar 2008
Brauchen wir eine moderne Sinologie?
Perspektiven der modernen China-Forschung im deutschsprachigen Raum
Prof. Dr. Susanne Weigelin-Schwiedrzik (Universität Wien)
Link: Marburger China-Kolloquium