Chénggōng

Mai 24, 2008

Aktuelle Probleme der Ein-Kind-Politik in der VR China

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Ein kleinerer Artikel zur Ein-Kind-Politik in der Volksrepublik China, den ich kürzlich für eine Seminar verfasste. Es war das erste Mal, dass ich mich mit dem Thema beschäftigte. Ich versuche einen knappen Überblick zu liefern und einige aktuelle Probleme im Zusammenhang mit der Entwicklung der VR China darzustellen. Unter ‘mehr‘ findet sich noch die Literaturliste und den kompletten Aufsatz als PDF zum Download. Für Hinweise und Verbesserungsvorschläge wäre ich äußerst dankbar.

Probleme der Familienpolitik in der VR China
Bereits Anfang der 1950er Jahre wurde im Angesicht der drohenden Probleme der Überbevölkerung eine Form der Ein-Kind-Politik (EKP) propagiert, zu dieser Zeit jedoch ohne nennenswerte Sanktionsmöglichkeiten (vgl. Hartmann 2006. 159). Mit der Politik der Reform und Öffnung veränderte sich auch die bisherige chinesische Bevölkerungspolitik. Nachdem bereits 1973 Kennziffern für den Bevölkerungszuwachs in die Wirtschaftsplanung mit aufgenommen wurde, vollzog man ab 1979 den Übergang zur EKP. Diese Politik durchlief bis in die 1990er Jahre verschiedene Phasen die von zu-nehmender Liberalisierung begleitet wurden; getragen von einem Diskussionsprozess innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas. Auf diese Weise entstand ein komplexes System an Sonderregelungen und Ausnahmen (vgl. Scharping 2007: 54ff).
Die Anwendung der Regelungen erfolgt aufgrund legaler Schlupflöcher stark verschieden. Gründe hierfür sind in den strukturellen Problemen der VR China zu suchen – Arbeitskräftemangel, Problemen mit der Altersversorgung und dem traditionell ein-geforderten Fortführen der Familienlinie (vgl. Scharping 2007: 57ff). Über Anreize und Sanktionen wird versucht die EKP durchzusetzen. Systematisch geschieht dies über die Geburtenplanungskommission, die inzwischen zwar zur zahlenmäßig stärksten Bürokratie angewachsen ist, aber mit mangelnder sozialer Achtung und Ausstattung zu kämpfen hat (vgl. Scharping 2007: 57ff).

Situation in ländlichen Regionen
Das Geburtenproblem scheint in ländliche Regionen auf die unveränderte Orientierung auf eine große Nachkommenschaft zurückzuführen zusein (vgl. Hartmann 2006: 159f). Dies führt bei der korruptionsanfälligen Bürokratie zu Extremen wie drakonischen Sanktionen auf der einen und faktischer Umgehung der EKP durch Ausnutzung der Sonderregelungen auf der anderen Seite (vgl. Heilmann 2004: 199). Die EKP verschafft lokalen Kadern auf der Dorfebene die Möglichkeiten Sanktionen zu verhängen; Diese Möglichkeit führte zu teils massiven Missbrauchsfällen (vgl. Hartmann 2006: 160; Schucher 2007b: 120). Gleichzeitig sind im Rahmen der laufenden Antikorruptionskampagnen unter lokalen Kadern Fälle aufgedeckt worden, bei der trotz strikter Regeln massiv gegen die EKP verstoßen wurde (vgl. Lindemann 2007: 144).

Situation in den Städten
Unter den objektiven Bedingungen des Stadtlebens orientiert sich der Kinderwunsch tendenziell an zwei Kindern (vgl. Hartmann: 2006: 159f). Trotzdem hat gerade die Politik der Reform und Öffnung auf dem Gebiet der Familienpolitik ihr Spuren hinter-lassen: Die Aufgaben der Einwohnerkomitees wachsen mit der zunehmenden Privatisierung, der VR China, da Frauen die keiner Danwei angehören von ihnen betreut werden. Bei Nichteinhaltung der Planvorschriften werden auch die Einwohnerkomitees sanktioniert und haben mit Geldbußen zu rechen. Gleichzeitig gilt Geburtenkontrolle als „schwierigste und unangenehmste Aufgabe“, da die städtische Bevölkerung das Eingreifen des Staates in Bereiche die zunehmend als persönlich und privat betrachtet werden entsprechend kritisch gegenübersteht (vgl. Heberer/Schubert 2008: 71ff). Zudem ergeben sich durch die aktuell Entwicklung Chinas drei Probleme: Bei dem hohen Migrationsaufkommen fällt es zunehmend schwer, eine wirksame Kontrolle auszuüben. Bei wachsenden Bevölkerungsgruppen mit hohem Einkommen greifen finanzielle Sanktionen nicht mehr, und die erste Generation der EKP kommt zunehmend in ein Alter in dem sie selbst Familien gründen und Nachwuchs haben – wenn beide Elternteile Einzelkinder waren fallen sie nicht mehr unter die EKP. Ihnen ist von vornherein ein zweites Kind erlaubt. Auf diese Weise wird versucht, der Überalterung der chinesischen Gesellschaft Sorge zu tragen, die selbst ein Ergebnis der EKP ist (vgl. Schucher 2007a: 143 / 2007b: 119ff).

Fazit
Es deutet also daraufhin, dass sich zwei sehr unterschiedliche Problemfelder ergeben, zum einen tradierte Vorstellungen von Familienpolitik auf dem Lande und zum anderen einer Reihe der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der VR China geschuldete Veränderung in den Städten. Während in den Städten mit einer Lockerung teilweise versucht wird der Überalterung Herr zu werden, liegt das Problem in ländlichen Regionen gerade bei der strikten Umsetzung, um dem erklärten Ziel, einer Drosselung des Bevölkerungswachstums gerecht zu werden (vgl. Lindemann 2007: 144).


Literatur
Hartmann, Jürgen (2006): Politik in China. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissen-schaften: Wiesbaden

Heberer, Thomas / Schubert, Gunter (2008): Politische Partizipation und Regime-legitimität in der VR China. Band I: Der urbane Raum. VS Verlag für Sozialwissen-schaften: Wiesbaden

Heberer, Thomas (2006): Das politische System der VR China im Prozess des Wandels. In: Derichs, Claudia / Heberer, Thomas (Hrsg.). Einführung in die politischen System Ostasiens. VR China, Hongkong, Japan, Nordkorea, Südkorea, Taiwan. S.19-121. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden

Heilmann, Sebastian (2004): Das politische System der Volksrepublik China. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden

Lindemann, Björn (2007): Zweigleisige Ein-Kind-Politik. In: China aktuell 4/2007. S. 143-144

Scharping, Thomas (2007): Bevölkerungspolitik und demographische Entwicklung. In: Doris Fischer / Michael Lackner (Hrsg.). Länderbericht China. Geschichte – Politik – Wirtschaft – Gesellschaft. S. 50-71. Bundeszentrale für politische Bildung: Bonn

Schucher, Günter (2007a): Weißbuch zum Alter. In: China aktuell 1/2007. S. 121-122

Schucher, Günter (2007b): Demografische Entwicklung kann Wirtschaftswachstum be-hindern. In: China aktuell 3/2007. S. 119-120

Hier findet ihr den Text als PDF:

Aktuelle Probleme der Ein-Kind-Politik in der VR China

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